Essstörungen

Definition

Bei den Essstörungen unterscheiden wir Anorexie (Magersucht) und Bulimie (Ess-/Brechsucht). Letztere ist durch Heisshunger-Attacken charakterisiert, denen selbstausgelöstes Erbrechen sowie auch der Missbrauch von Abführmitteln folgen. Die Betroffenen sind meist normalgewichtig, zeigen aber häufig Gewichtsschwankungen.

Die Anorexie ist durch massives Untergewicht gekennzeichnet, welches durch Hungern herbeigeführt wird; sie tritt manchmal auch in Kombination mit bulimischen Brechanfällen auf. Die Unterscheidung zwischen den beiden Krankheitsbildern ist nicht immer eindeutig. Die Gemeinsamkeit beider Störungen liegt im Häufigkeitsgipfel zwischen dem 15. und 20. Lebensjahr sowie in der Angst der Betroffenen vor Gewichtszunahme. Pubertätsmagersucht wurde erstmals 1868 vom englischen Arzt Gull beschrieben, die Bulimie wird erst ab ca. 1980 als eigenständige Diagnose erhoben.

 

Häufigkeit

Essstörungen kommen vor allem im westlichen Kulturkreis vor und sind typisch für wohlhabende Industrieländer mit Nahrungsüberschuss. In über 90 Prozent der Fälle sind Frauen betroffen. An Magersucht leiden zirka ein Prozent aller Mädchen, die Bulimie kommt wesentlich häufiger vor. Vorübergehendes anorektisches sowie auch bulimisches Essverhalten als Ausdruck von Entwicklungskrisen im Adoleszenzprozess sind relativ häufig und meistens gutartig.

 

Ursachen

Die Magersucht wird aus tiefenpsychologischer Perspektive als unbewusste Verweigerung der Sexualentwicklung verstanden. Mit Eintritt in die Pubertät geraten die betroffenen Mädchen in eine schwere Identitätskrise, welche den Krankheitsausbruch auslösen und den weiteren Verlauf unterhalten kann. Im Hungern resp. Abmagern soll die Erlangung von Autonomie gegenüber der Umwelt (und vor allem gegenüber der Herkunftsfamilie) aber auch im Umgang mit dem eigenen Körper gewonnen werden. Bedrohliche Verlaufsformen können sogar – über die sexuelle Triebabwehr hinaus – als Lebensverweigerung schlechthin verstanden werden. Das vorherrschende gesellschaftliche Schlankheitsideal dürfte bei der Anorexie schliesslich ebenfalls eine wichtige Rolle als Krankheitsursache spielen.

Auch bei der Bulimie sind Probleme im Rahmen der weiblichen Identitätsentwicklung sowie Ablösungs- und Abgrenzungskonflikte von grosser Bedeutung; wiederholt wurde auch auf eine hohe Rate von Inzesterfahrungen bei diesen Patientinnen hingewiesen.

 

Symptome

Zentrales Merkmal der Magersucht ist die Vorstellung, trotz starkem Untergewicht zu dick zu sein. Diese Fehlwahrnehmung wird als Körperschemastörung bezeichnet und geht einher mit einem subjektiv viel zu niedrig angesetztem «Idealgewicht». Die durch Hungern, Gebrauch von Abführmitteln und exzessiven Sport herbeigeführte Gewichtsreduktion hat bei Anorektikerinnen regelmässig hormonelle Störungen mit Ausbleiben der Monatsblutung, Verzögerungen in der Ausbildung der Geschlechtsmerkmale und manchmal ernsthafte internistische Erkrankungen zur Folge. Prinzipiell kann die Anorexie sehr dramatisch und manchmal gar tödlich verlaufen. Krankheitsbewusstsein fehlt bei den meisten Patientinnen.

Typisches Merkmal der Bulimie sind häufig auftretende Fressanfälle, bei denen im Rahmen eines Kontrollverlustes in sehr kurzer Zeit unangemessen viel kalorienreiche Nahrungsmittel aufgenommen werden. Die Anfälle werden von den Betroffenen als unwiderstehliche Gier oder als Zwang beschrieben, treten mehrfach wöchentlich, manchmal auch mehrmals täglich, auf und dauern durchschnittlich eine bis mehrere Stunden. Nachfolgende intensive Schuld- und Schamgefühle sind häufig. Da die Auseinandersetzung mit ihrem Körperbild bei allen Patientinnen mit Essstörungen eine zentrale Rolle spielt, ist auch bei Bulimikerinnen die Gewichtskontrolle ein Dauerthema.

Die Brechsucht ist zwar nicht lebensgefährlich, regelmässiges Erbrechen und exzessiver Gebrauch von Abführmitteln und Appetitzüglern können aber gleichwohl ernsthafte medizinische Probleme bewirken. Störungen des Mineralstoffwechsels und Hormonsystems, Herzrhythmusstörungen, Entzündungen der Speiseröhre, Magenwandschädigungen, Schwellungen der Ohrspeicheldrüse, Schädigungen des Zahnschmelzes und Veränderungen an Haut und Haaren sind mögliche Komplikationen.

Persönlichkeitsmässig werden Anorektikerinnen häufig als fleissig, leistungsbezogen, asketisch, perfektionistisch und im zwischenmenschlichen Bereich als kühl und emotional schwer erreichbar beschrieben.

Bulimikerinnen zeigen indessen gehäuft impulsives Verhalten, suchen nach erotischer und anderer Stimulation und können Merkmale einer Borderline-Persönlichkeit aufweisen.

 

Therapie

Vorrangiges therapeutisches Ziel bei Anorexiepatientinnen ist die Normalisierung des Gewichts und die Rückbildung der durch längere Mangelernährung bedingten biologischen Funktionsstörungen. Bei massivem Untergewicht ist eine Klinikbehandlung mit Sondenernährung und engmaschiger Kontrolle unumgänglich. Erst nach Abschluss der Phase des Wiederaufbaus und nach Erreichen des vereinbarten Zielgewichtes folgt die eigentliche psychotherapeutische Behandlung im ambulanten oder stationären Rahmen. Der Behandlungseinstieg bei Bulimikerinnen ist angesichts des meist vorhandenen normalen Körpergewichts problemloser. In der Therapie aller essgestörter Betroffener sowie ihrer Angehörigen wichtig ist die Vertrauensbildung und Motivationsarbeit durch gründliche Aufklärung, nicht zuletzt auch über die körperlichen Folgeschädigungen. Mittels psychodynamischen Behandlungsansätzen werden zugrunde liegende individuelle Krankheitsursachen angegangen. Mit Familientherapie soll versucht werden, die übrigen Mitglieder für den häufig langwierigen und von vielen Rückschlägen geprägten Behandlungsprozess zu gewinnen. Im Rahmen der stationären Psychotherapie haben sich besonders Bausteine der kognitiven Verhaltenstherapie bewährt. Auf dem Boden einer Verhaltensanalyse mit Tagebuchaufzeichnungen werden wirksame Selbstkontrolltechniken vermittelt. Differenzierte schriftliche Behandlungsverträge geben sowohl den Betroffenen als auch dem therapeutischen Team Halt und Orientierungshilfe. Die entscheidende therapeutische Zielsetzung muss – angesichts des häufig ausweichenden Verhaltens dieser Patientinnengruppe – letztlich immer die konsequent zu verfolgende Normalisierung von Gewicht und Essverhalten bleiben.

 

Verlauf/Heilung

Nach wie vor ist die ausgeprägte Magersucht eine schwere, potentiell tödlich verlaufende Krankheit mit insgesamt eher ungünstiger Prognose. Der Verlauf der Brechsucht ist in der Regel weniger dramatisch und bezüglich Heilungserfolg günstiger. Für Angehörige ist die anorektische Störung eines Familienmitgliedes über alle Massen belastend, und auch für Fachleute bedeutet die Behandlung essgestörter Patientinnen immer wieder eine grosse Herausforderung, der vor allem mit einem qualifizierten störungsspezifischen Ansatz und entsprechend gut ausgereiften Behandlungskonzepten erfolgreich begegnet werden kann.

 

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